Endlich sichtbar: Wie Überlebende des Schwangerschaftsabbruchs dem weltweit größten Forum das menschliche Antlitz einer globalen Debatte zeigen

Lyric Gillett, Gründerin von Faces of Choice, plant, die Geschichten von Abtreibungsüberlebenden zur FIFA-Weltmeisterschaft 2026 zu bringen und damit eines der größten globalen Publikumsein der Geschichte zu erreichen. Die Kampagne setzt auf die persönliche Begegnung als den wirksamsten Anstoß zur sittlichen Erkenntnis.

June 12, 20263 min read
Endlich sichtbar: Wie Überlebende des Schwangerschaftsabbruchs dem weltweit größten Forum das menschliche Antlitz einer globalen Debatte zeigen

Wenn ein Traum zur Mission wird

Mitten in der Nacht griff Lyric Gillett nach einem Stift. Was ihr in diesen stillen Stunden zukam, beschrieb sie später als „einen Traum voller Gesichter" – eine Vision nicht von Statistiken oder Argumenten, sondern von Menschen. Von konkreten Menschen. Von Männern und Frauen, deren Geschichten noch nicht erzählt und deren Gesichter noch nicht gesehen worden waren. Am nächsten Morgen waren Konzept und Drehbuch dessen, was schließlich eine Reihe von Werbespots werden sollte – geplant für den FIFA-Weltpokal 2026 –, bereits zu Papier gebracht.

Gillett ist die Gründerin von Faces of Choice, einer gemeinnützigen Organisation, die auf einer einzigen, trügerisch schlichten Prämisse aufbaut: dass hinter jeder öffentlichen Debatte über Abtreibung ein Mensch steht – mit einem Namen, einer Geschichte und einem Gesicht. Die bevorstehende Kampagne der Organisation wird Abtreibungsüberlebende einem weltweiten Publikum von voraussichtlich Milliarden Menschen vorstellen.

Der Weg zu dieser Plattform war nicht geradlinig. Im Jahr 2020 hatte Faces of Choice einen Werbespot für den Super Bowl vorbereitet. Wenige Tage vor dem Spiel wurde die Ausstrahlung des Spots untersagt. Was damals als verschlossene Tür erschien, hat sich seither – in Gilletts eigenen Worten – in ein „gewaltiges Tor" verwandelt: eines, das direkt zum meistgesehenen Sportereignis der Welt führt.

Die Psychologie der Begegnung

Es gibt eine lange Tradition sowohl in der klinischen Psychologie als auch in der katholischen Anthropologie, die darauf besteht, dass Wandel selten mit einem Argument beginnt. Er beginnt mit der Begegnung. Gilletts Instinkt deckt sich mit diesem Verstand, wenngleich sie ihn in ausdrücklich theologischen Begriffen fasst. „Immer wieder hat Christus die Wahrheit durch Begegnung offenbart", sagte sie. „Er ist den Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnet."

„Meine Hoffnung ist, dass etwas Tieferes als eine bloße Meinung in den Menschen erwacht, wenn die Welt diese Männer und Frauen sieht", sagte Gillett. „Nicht weil die Menschen ein neues Argument hören, sondern weil sie einem Menschen begegnen, der ihnen entgegenblickt."

Die Meinung wirkt auf der Ebene der Aussage. Die Begegnung wirkt auf der Ebene der Person. Letztere erreicht Orte, zu denen erstere keinen Zugang hat.

Imago Dei als Fundament

Gillett legt ein klares anthropologisches Fundament dar. „Die Lehre von der Imago Dei ist nicht bloß ein theologisches Konzept", sagte sie. „Sie ist eine Wirklichkeit, die Anerkennung fordert. Jedes menschliche Leben besitzt eine unveräußerliche Würde, die weder erworben noch von der Gesellschaft verliehen wird und nicht von den Umständen abhängt. Sie ist von Gott selbst verliehen."

Für Abtreibungsüberlebende im Besonderen hat dieses Fundament besonderes Gewicht. Viele Überlebende navigieren tiefgreifende Fragen nach Identität, Wert und Zugehörigkeit – Fragen, die unmittelbar aus den Umständen ihrer frühen Existenz erwachsen. Faces of Choice bietet einen Rahmen, in dem Überlebende sprechen, gehört werden und erfahren können, dass ihre Geschichte von der weiteren Welt anerkannt wird.

Sichtbarkeit als Heilung

In der zeitgenössischen Traumatherapie gibt es ein Konzept, das mitunter als „Zeugenschaft" bezeichnet wird – die Erfahrung, dass das eigene Leid von einem anderen Menschen gesehen und anerkannt wird. Die Forschung zeigt beständig, dass Zeugenschaft nicht nur emotional tröstlich ist, sondern auch neurologisch und psychologisch heilsam wirkt.

„Diese Arbeit dient nicht nur der Verteidigung des Lebens", sagte Gillett. „Sie dient der Wiederherstellung der Sichtbarkeit von Menschen, deren Menschsein allzu oft geleugnet wurde."

Für Menschen, die eine Abtreibung überlebt haben, trägt die Unsichtbarkeit eine zutiefst existenzielle Last. Ihre bloße Existenz war einmal eine umstrittene Frage. Vor einem weltweiten Publikum von Milliarden zu stehen und schlicht zu sagen: „Ich bin hier" – das ist nicht nur ein Akt der Fürsprache. Es ist ein Akt tiefer psychologischer und geistlicher Selbstbezeugung.

Die Menschen, die in diesen Werbespots zu sehen sind, sind eindrucksvolle Beispiele menschlicher Resilienz. Tiefe Verwundbarkeit überlebt zu haben, ein Leben aufgebaut und dann gewählt zu haben, dieses Leben als öffentliches Zeugnis anzubieten – das erfordert ein Maß an psychologischer und geistlicher Reife, das nicht von ungefähr kommt. In diesem Sinne ist ihr Zeugnis selbst der vollste Ausdruck dessen, was es bedeutet, gesehen zu werden – und die Welt einzuladen zu sehen.

Quelle: EWTN News, „At FIFA 2026 World Cup, abortion survivors to share their stories", 11. Juni 2026.