Wie Musik zu Gott führt
Artikel von BJ Gonzalvo. Aus den MindSpirit-Archiven wiederhergestellt.
Es gibt etwas Tiefgründiges, Kraftvolles, Phänomenales, Unergründliches, Fesselndes, Geheimnisvolles und schlicht Erstaunliches an der Musik. Ich habe keine professionelle Musikausbildung – abgesehen von gelegentlichen Jam-Sessions mit Kirchenbands –, aber ich glaube nicht, dass man eine klassische Ausbildung braucht, um sich einfach zurückzulehnen und Beethovens Fünfte Sinfonie zu genießen, oder Franz Schuberts Ave Maria, oder Queen's Bohemian Rhapsody, oder den neuesten Pophit von Bruno Mars oder Taylor Swift.
Musik bewirkt in uns Dinge, die sich kaum in Worte fassen lassen. Die Berge erklingen im Klang der Musik. Musik bewegt uns. Sie reißt uns mit und bringt uns dazu, mit den Fingern zu tippen oder den Kopf zu wiegen, während wir dem Rhythmus und Beat von Drakes Hip-Hop-Hit „In My Feelings" lauschen.
Die Kraft der Musik
Musik hat die Kraft, unseren Geist und unsere Fantasie in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort zu versetzen. Wann immer ich heute eine Aufnahme der sanften, wohlklingenden Stimme von Karen Carpenter höre, werde ich sofort in mein Elternhaus in den Philippinen der 1980er Jahre zurückversetzt – und es ist „yesterday once more". Ich war ein kleines Kind, das an einem Samstagmorgen aufwachte, während im Hintergrund die Musik von The Carpenters lief, die meine Eltern auflegten.
Musik heilt uns. Sie hilft, unseren Schmerz und unsere Wunden zu lindern. Die altgriechischen Philosophen waren überzeugt, dass Musik einem therapeutischen Zweck dient. Die heutige Wissenschaft liefert uns den Beweis dafür. Viele haben sicher schon vom „Mozart-Effekt" gehört. Eine wissenschaftliche Studie stellte fest, dass Mozarts Klaviersonate D-Dur epileptiforme Aktivität bei Patienten selbst im Koma-Zustand verringerte. Musiktherapie ist inzwischen eine anerkannte Praxis – nicht nur, um unser Wohlbefinden zu steigern, sondern auch bei der Behandlung verschiedener Erkrankungen wie Parkinson, Gedächtnisverlust, Schädel-Hirn-Trauma und posttraumatischer Belastungsstörung.
Musik schützt uns vor Bösem und Schädlichem. Im alten Israel, als Saul von einem bösen Geist gequält wurde, bat er seine Diener, einen Mann zu suchen, der geschickt die Leier zu spielen verstand. Sie brachten David, der ihm dienen sollte. „Und sooft der böse Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Leier und spielte. Dann atmete Saul auf und fühlte sich wohl, und der böse Geist wich von ihm" (1 Sam 16,23).
Musik verändert uns und wandelt uns um. Sie wandelt unsere Stimmung von Trauer in Freude – oder auch von Freude in Trauer. Musik schenkt uns Freude und bewegt uns manchmal zu Tränen. Sie erhebt den Geist. Wie Platon sagte: „Musik ist eine Kunst, die mit der Kraft ausgestattet ist, in die tiefsten Tiefen der Seele einzudringen."
Wir wissen seit jeher, dass Musik tiefgreifende Wirkungen auf uns hat – körperlich, kognitiv, emotional und geistlich. Die alten Hochkulturen kannten die Bedeutung der Musik in unserem Leben. Die altgriechischen Philosophen haben darüber nachgedacht. Viele Verse im Alten Testament verweisen auf Musik, Gesang und das Spielen von Saiteninstrumenten. In Schlachten, die bis in die früheste Menschheitsgeschichte zurückreichen, wurde Musik eingesetzt, um Krieger zu begeistern und zu stärken. Aus dem amerikanischen Bürgerkrieg gibt es Berichte über den Einsatz von Musik zur Heilung verwundeter Soldaten.
Musik berührt Leib und Seele
Wir wissen schon immer, dass Musik die Kraft hat, unser tägliches Leben zu beeinflussen – doch erst in den letzten Jahrzehnten, dank der Fortschritte in Naturwissenschaft und Technologie, konnten wir die Belege für die vielschichtige Wirkung der Musik auf uns erfassen, sichtbar machen und messen. Unser Blutdruck steigt, die Pupillen weiten sich, die Härchen auf unseren Armen stellen sich auf, und ein Schauer läuft uns den Rücken hinunter. Mithilfe von Neuroimaging und anderen fortschrittlichen technischen Verfahren können Wissenschaftler einige der physiologischen Veränderungen verfolgen – darunter neurologische Aktivitäten und Umstrukturierungen in unserem Gehirn –, die beim Musikhören auftreten.
Musik berührt unser Leben auf faszinierende Weise. Ein besonders wichtiges Fenster, durch das Musik tiefen Einfluss auf uns nimmt, sind unsere Entwicklungsjahre – vor allem die Teenagerzeit bis in die frühen Zwanziger, wenn wir unser Identitätsgefühl festigen. Laut einer Forschungsanalyse auf der Grundlage von Spotify-Nutzungsdaten entwickelt sich unser Musikgeschmack zwischen 14 und 25 Jahren rasch, dann etwas langsamer zwischen 25 und 33 Jahren, und danach ebbt die Entwicklung ab. Die Teenagerzeit bis in die frühen Zwanziger ist eine Phase unruhiger Erkundung und rascher Entwicklung; die Musik, die in dieser Zeit in unser Leben tritt, gräbt sich in unsere neuronalen Verschaltungen ein und bleibt für den Rest unseres Lebens in unserem Gedächtnis.
Kein Wunder also, dass ich eine besondere Verbundenheit mit der Musik der 80er und 90er Jahre habe, denn das waren meine prägenden Jahre. Die Musik, die ich in jenen entscheidenden Entwicklungsjahren hörte, ist für immer in meiner psychosozialen Identität verankert. Wann immer ich Starships „Nothing's Gonna Stop Us Now" höre, erlebe ich dieses tiefe, leibhaftige Gefühl wieder, wie ich in meinen Schulball der achten Klasse hineinspaziere.
Musikalische Nostalgie ist real – das belegen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wenn wir diese Lieder wieder hören, kehren alle möglichen emotionalen Erinnerungen zurück: Herzschmerz, Liebe, Begeisterung, persönlicher Ausdruck, Leidenschaft, Glück, Zorn, Hass und Frustration. Von Nirvana bis Snoop Dogg sprach die Musik den jungen Heranwachsenden in mir an. Die Botschaften waren nicht immer positiv und aufbauend, doch die Lieder sprachen dennoch zu meiner kulturellen Identität.
Musik, die zu Gott führt
In dieser Entwicklungsphase meines frühen Erwachsenenlebens bekam ich die Gelegenheit, mich nicht nur in populäre Musik zu vertiefen, sondern auch in christliche Musik. Das gab mir im Leben einen Bezugspunkt, von dem aus ich erleben konnte, wie Musik unser Leben positiv prägen kann. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Gleichaltrigen auf und ab sprang und mit jugendlichem Überschwang Psalm 95 sang: „Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn!" Es gab auch ein paarmal, wo ich mit meinen Mitstreitern bei Jugendexerzitien in Tränen ausbrach, wenn wir „Refiner's Fire" von Brian Doerksen oder „Song of Saint Augustine" von Martin Doman sangen.
Die Melodie, der Rhythmus und der Text trafen mein Herz und meinen Geist und bewegten mich zutiefst. Der Gesang dauerte nur wenige Minuten, doch jedes Musikstück war nicht bloß ein flüchtiger Augenblick. Jedes Singen war ein Moment, der dem jungen Christen in mir eine bleibende Botschaft mit auf den Weg gab. Die Worte „I choose to be holy, set apart for you, oh Lord" bedeuteten mir etwas und blieben in mir. Jahre nachdem ich diese Lieder zum ersten Mal gesungen hatte, rufen sie beim Wiederhören Erinnerungen wach und erinnern mich neu an die Freude, Gott zu lieben wie ein Kind. Jene Zeile aus Martin Domans „Song of Saint Augustine" ist in meinem Gedächtnis lebendig und ruft mir in Erinnerung, dass Gott mich für sich erschaffen hat und mein Herz keine Ruhe finden wird, bis es Ruhe findet in Ihm.
Wie der Liturgiekomponist und Paulistenpater Ricky Manalo in einem Interview sagte: „Musik ist eines der wirkungsvollsten Symbole und künstlerischen Ausdrucksmittel, um die Vorstellungskraft der Menschen anzuregen … um Menschen durch die Nuancen der Botschaft des Evangeliums zu Gott zurückzuführen. Daher bin ich stets überzeugt gewesen, dass Musik eines der wichtigsten Mittel ist, um Menschen willkommen zu heißen, sie anzuziehen und neue Begegnungen zu stiften und andere einzuladen."
Musik ist ein Geschenk. Ein wunderbares Geschenk. Wir geben dieses Geschenk unserem Schöpfer zurück – ebenfalls als Geschenk –, indem wir singen und lobpreisen. Im Katechismus der Katholischen Kirche findet sich das bekannte Wort des heiligen Augustinus: „Wer singt, betet doppelt." Musik – mit unseren singenden Stimmen, unseren lauschenden Ohren und unseren Händen, die Musik erschaffen – ermöglicht es uns, die geistliche Freude unseres Herzens leibhaftig zum Ausdruck zu bringen. Musik hat die Kraft, Leib, Seele und Geist zu vereinen, wenn wir uns Gott entgegenstrecken.